• Christoph Hahn

In der Zeitkapsel des Geschmacks

Aktualisiert: Jan 15

Wir bleiben jetzt noch ein bisschen in der Königsklasse und ich stelle noch einen Winzer (in diesem Fall sind es zwei) vor, die nicht so furchtbar viel von sich hermachen bzw. hermachen lässt. Denn von außen sieht das Haus in der Leiwener Matthiasstraße, unter dem Karl Josef Loewen (auf dem Foto von David Maupilé links) und sein Sohn Christopher Weine von einer still leuchtenden Eindringlichkeit wie ihr eigenes persönliches Auftreten sind, nicht nach großem Auftritt aus. Weder das Gebäude des Weinguts noch die Rieslinge, die hier bis zur Abfüllreife heranwachsen, haben irgendetwas an sich, das die Bedeutsamkeit herausschreit. Muss auch nicht, weil dann eher kontraproduktiv. Denn die Loewens, die ich bereits für ein anderes Medium porträtiert habe (www.captaincork.com/carl-loewen-die-ausverkauften), sind bedeutend - so sehr, das sie das nun wirklich nicht extra betonen müssen.

Loewen-Weine aus der Leiwener Laurentiuslay oder der Thörnicher Ritsch finden in aller Welt Beachtung und Respekt. Doch die Loewens wissen nicht nur, wie Riesling geht - sie sorgen auch (um nicht zu sagen: vor allem) dafür, wie aus der Tradition heraus etwas Neues entsteht. Darum hat dieses Vater-Sohn-Unternehmen (wobei der starke Beitrag von Karl Josefs Frau Elvira nicht verschwiegen werden soll) Anfang 2008 das Longuicher Gut Carl Schmitt-Wagner mit seinen 1,4 Hektar samt wurzelechter Rebstöcke dortselbst nicht bloß aufgekauft, sondern seither auch Rieslinge, die mit dem Pflanzmaterial von 1896 wie Weine aus dieser Zeit gemacht werden (da spricht die alte Korbpresse auf dem Foto Bände) aus jener Zeit gemacht werden.

Was das für mich im Glas bedeutet, habe ich mal genauer wissen wollen und mir darum einen trockenen 2019er Riesling aus ebenjenem Maximin Herrenberg (ohne Bindestrich wie Juffer Sonnenuhr oder Niederberg Helden) besorgt. Kein Stoff fürs Easy Drinking sicherlich, sondern eher ein Stoff für echte Riesling-Aficionados, die sich auf diese Zeitkapsel des guten Geschmacks einzulassen überhaupt in der Lage sind.

Denn der Wein vom Maximin Herrenberg ist ein Riesling aus Anderland. Schon in der Nase macht sich nach gehörigem Belüften ein unerhört herber Duft breit - ein Aspekt, der später, auf der Zunge, in einem Geschmack wie von Johannisbeeren, bei dem sich die Mundschleimhäute leicht zusammenziehen, seine Entsprechung findet. Die anderen Aromen, z.B. Weinbergspfirsich, wirken noch relativ verhalten - ein Umstand, der sicher auch dem relativ frischen Jahrgang geschuldet ist.


Frucht und kräuterige Mineralik sind aber nur zwei Gesichtspunkte. Der wesentliche Aspekt ist, das hier die an und für sich opulente Riesling-Aromatik im Verlauf der Jahre zwischen dem Lesejahr 2019 und 1896, dem Pflanzjahr der Reben, auf eine Winzigkeit zusammengeschnurrt ist. Diese Winzigkeit aber entwickelt schon jetzt einen Charme und Strahlkraft, die im Laufe der Zeit wächst und wächst. Kaum auszudenken, was in zehn Jahren aus diesem Ausnahmewein geworden sein dürfte. Beim Winzer ist er jedenfalls schon jetzt radikal ausverkauft.

Im Internet: www.weingut-loewen.de

32 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen